Landschaft
im Werden
(Aus dem Katalog "Die Blaue Stunde" zur gleichnamigen Ausstellung der Galerie Epikur, Wuppertal 2002)
Thomas
Kohls Landschaftsbilder der letzten Jahre zeichnen sich durch Offenheit und
Leichtigkeit aus. Diese Wirkung entsteht, weil die Spuren der Herstellung
sichtbar bleiben. Das Weiss des Grundes ist nicht nur in den Arbeiten auf
Papier, sondern auch in vielen Gemälden präsent, so dass wir gewissermassen zu
Zeugen des Malprozesses werden. Dabei bestehen grosse Unterschiede zwischen den
Bildern, insbesondere was ihre gegenständliche Einlösbarkeit betrifft. Zum
einen finden sich Landschaften, deren Topographie leicht nachzuvollziehen ist.
Klar steht uns etwa die Küstenlinie von Cumbria
(1990) vor Augen, zu der hin sich das Land hügelig ausbreitet, unter einem
bewölkten Himmel, durch den aber auch einzelne Sonnenstrahlen dringen und die
Erde stellenweise regelrecht aufleuchten lassen. Zum anderen begegnen dicht
verwobene Strukturen, Farbflächen und Pinsellinien schieben sich in- und übereinander,
etwa bei den Lahn-Bildern
(2001), die wir deshalb vielleicht nur zögernd als Landschaften
ansprechen: Hier ist die Horizontlinie wenig ausgeprägt, und es wird deutlich,
wie tief diese in unseren Sehgewohnheiten wurzelt und unsere Vorstellung von
Landschaft beeinflusst.
In
erster Linie ist es die Farbigkeit, die Assoziationen an Landschaften auslöst.
Die Grün-, Blau-, Braun- und Grautöne verbinden sich in unserer Erinnerung mit
bewachsenen Hängen, Seeufern und Flüssen, mit Meer oder Himmel, rauhen
Erdformationen
oder gar mit den Schneefeldern und Eiskappen hoher Berggipfel. Die Farben sind
einmal schwerer, dichter, gestisch bewegt, einmal leichter, transparenter, flüssiger.
Bisweilen überwiegt ein Mischton, ein Grün-Ocker-Grau, das sich stellenweise
zu gesteigerter Buntheit verdichtet, zum Beispiel zu Ocker-Rot wird, als ob eine
Flamme ins Bild züngelte.
Öfters
wiederholen sich Kompositionen, immer wieder stürzt auf den Loreley-Ansichten
(2000) der Fels schroff in den Fluss. Die Differenzen von Bild zu Bild sind im
Atmosphärischen auszumachen. Wörtlich verstanden, haben wir es mit
unterschiedlichen Wetterverhältnissen zu tun. Wischungen lassen an Wind denken,
an aufgewühlten Himmel. Vor allem das Licht ändert sich. Bald scheint etwas
Dunst oder Nebel wie ein Schleier über der Landschaft zu liegen, bald strahlen
die Farben hell und klar wie an einem Morgen, kurz nach dem Regen, bald wirkt
alles grau und trüb, Wolken türmen sich. Der Begriff des Atmosphärischen
bezieht sich aber auch auf die unterschiedliche Emotionalität, welche die
Bilder ausstrahlen. Es erscheint nur folgerichtig, dass unsere Sprache teilweise
gleiche oder ähnliche Adjektive verwendet, um das Wetter oder um Stimmungen zu
beschreiben – «strahlend», «trüb», «sonnig» –, schliesslich bestehe
ja auch, wie viele glauben, ein Zusammenhang zwischen dem Wetter und unserer Gemütsverfassung.
Dass
Thomas Kohl seine Bilder in Serien schafft, erscheint nur folgerichtig, wenn wir
uns das Verständnis von Landschaft, wie es uns in seiner Malerei entgegentritt,
vergegenwärtigen: Das Landschaftliche zeichnet sich durch stetige Umbildung
aus, alles ist in diesen Prozess einbezogen. Und es ist die menschliche
Wahrnehmung, in der sich der Wandel erst manifestiert. Der Künstler verleiht
einem Augenblick Gestalt. Die Betrachter vollziehen das Entstehen der Formen
nach und erleben von Werk zu Werk eine sich verändernde Welt.
In
eine etwas andere Richtung weisen die Werke, die sich aus mehreren Teilen
zusammenfügen, zum Beispiel die Walliser Alpen in fünf Ansichten vom Mont Blanc de Cheilon über den Lac
de Chamois, die Tête Noire, die Pointes
de Tsena Refion bis zum Mont de Cion zeigen
(1998). Fünf mögliche Blicke, fünf Konkretisierungen alpiner Topographie, fünf
Gestimmtheiten, vom heiter-lichten «weissen Berg» bis zum dräuenden «schwarzen
Kopf». Friesartig aneinandergereiht, behalten die Gemälde ihren Eigenwert,
schliessen sich nicht etwa zum kontinuierlichen Panorama zusammen. Sie sind
vielmehr Facetten eines Ganzen, eines Ganzen aber, das nur in der Rezeption
erfahrbar wird. Der Betrachter ist umgeben, befindet sich mitten in Malerei,
dies eine Erfahrung, die ähnlich angesichts der beschriebenen Bildserien zu
machen ist. Der Versuch, Landschaft in Bildzyklen einzufangen, könnte uns an
Ukiyo-e erinnern, die japanischen «Bilder der fliessenden, vergänglichen Welt»,
die im Farbholzschnitt des 18./19. Jahrhunderts zu höchster Blüte fanden,
denken wir an Hokusais 36 Ansichten des
Fuji (1823–32) oder an Hiroshiges 53
Stationen des Tokaido (1833/34) und 100
Ansichten von Edo (1856–58).
Thomas
Kohl scheint es weniger um die Klarheit der Struktur oder um die Materialität
der Darstellung zu gehen. Licht- und Farbphänomene stehen im Zentrum. So
skizzenhaft und schnell gemalt die Bilder auch wirken mögen, sind sie doch das
Resultat intensiver, genauer Beobachtung. Landschaft formiert sich gleichsam
unter unserem Blick, fliessende Farbschleier lassen die Berghänge von West
(2001) entstehen, gleichzeitig scheint sich das Landschaftliche wieder in
impulsive Pinselzüge aufzulösen. Der Pinselduktus, die Farbe in ihrer
materiellen Qualität erweisen sich als ebenso wichtig wie das Motivische. An
ihnen ist das Vergehen der Zeit direkt ablesbar: Farbe rinnt, bahnt sich ihren
Weg, verdeckt untere Schichten. So konserviert sich die Herstellung als
Prozess, den wir im nachvollziehenden Betrachten aufleben lassen. Dass sich
Landschaft erst im Wahrnehmen generiert, findet darin ein sinnfälliges Äquivalent.
Die
Bilder von Thomas Kohl sind sensible Einfühlungen in das Atmosphärische des
Wetters, in die wechselhaften Strömungen emotionaler Befindlichkeit. Stets sind
wir Zeugen prozesshafter Entstehungs- und Umbildungsvorgänge. Flüchtig bilden
sich Elemente des Landschaftlichen heraus, die erst durch unsere Anschauung
und Einlassung ihre bildnerischen Kraft entfalten.
Marianne
Wackernagel arbeitet am Museum für Gegenwartskunst/Kunstmuseum Basel.