Jörg
Probst
(Aus dem Katalog "Die Blaue Stunde" zur gleichnamigen Ausstellung der Galerie Epikur, Wuppertal 2002)
I
Daß
Landschaftskunst der Malerei die meisten Freiheiten gestatte, findet sich als
Topos in den frühesten Texten der Kunstliteratur. „Denn bey der großen Mannigfaltigkeit, welche in dieser Gattung der
Malerey herrschen kann, hat der Maler mehr Gelegenheiten, als in allen übrigen
Arten dieser Kunst, bey der Wahl der Vorwürfe auf seine Zufriedenheit und
Ergötzung zu sehen.“ Als „Herr
über alles, was man auf der Erde, oder auf dem Wasser oder in der Luft sieht“
kann der Maler in der Landschaft frei mit allem Sichtbaren schalten und walten.[1]
Studien nach den Formen der Natur lassen den Maler der eigenen Mittel bewußt
werden und zunächst in seinen Fähigkeiten der Bildung und Nachbildung wachsen
- um schließlich über die Natur hinaus zu wachsen.
Als
Naturbeherrschung besitzt die Landschaftskunst ein eigentümliches Pathos:„Er
erschafft Stille, die Kühle und den Schatten der Wälder. Er wagt furchtlos die
Sonne oder den Mond am Firmament zu zeigen. Er hat der Natur ihr Geheimnis
entrissen; alles, was sie hervorbringt, kann er wiedergeben.“[2]
heißt es in einem anderen klassischen Text über den Landschaftsmaler.
Landschaftskunst tritt mit dem Sichtbaren in einen eigenwilligen und
erfinderischen Kontakt. Die Moderne hat von der Landschaftsmalerei ausgehend die
Abstraktion entdeckt. So groß ist der Spielraum, den diese Gattung eröffnet,
daß noch 1996 die Landschaft als Herausforderung der Malerei zum Experiment in
eigener Sache erklärt werden kann.[3]
Das
freie Schalten und Walten der Malerei mit allem Sichtbaren gibt der Malerei
nicht bloß die Möglichkeit einer Erzeugung beliebiger Stimmungshaftigkeit.
Landschaftskunst als Naturbeherrschung setzt eine Selbstbeherrschung der Malerei
voraus, die leicht über die bloße Nachahmung von Natur hinausgeht. „Die
Malerei fußt zwar auf aus der Natur abgeleiteten Gesetzen, doch entwickelt sie
ihre Sprache immer mehr aus sich selbst heraus. Das mag man autonom nennen.“[4]
Paradoxerweise ist deshalb gerade das Landschaftsbild ein Beispiel für die
Fragwürdigkeit der Naturnachahmung in der Kunst. Statt eines sogenannten
Fensters zur Natur ist ein Landschaftsgemälde vielmehr Ausdruck einer
bestimmten Art von Bildbewußtsein und der Vergegenwärtigung von Natur und
Wirklichkeit. „Das Auge des Künstlers
ist kein passives Auge, das den Eindruck der Dinge lediglich empfängt und
aufzeichnet. Dieses Auge ist durchaus konstruktiv.“[5]
Ähnlich lautend spricht de Piles von Landschaft als „angenehme Täuscherey“.[6]
II
Landschaftsbilder
sind künstliche Wirklichkeiten. Als Simulation von Wirklichkeit ist die
Landschaftsmalerei schon sehr früh Gegenstand der Medienwissenschaft. Ernst
Cassirers Gedanken kreisen stets um Landschaftsdarstellungen, wenn
es ihm um die Kunst der Malerei geht.[7]
Dieses Interesse für das Bild als Landschaft ist durch Platon stimuliert. Das
mag angesichts des Platonischen Ikonoklasmus paradox erscheinen. „Ich
befürchtete, ich möchte ganz und gar an der Seele geblendet werden, wenn ich
mit den Augen nach den Gegenständen sähe, und mit jedem Sinn versuchte, sie zu
treffen. Sondern mich dünkt, ich müsse zu den Gedanken meine Zuflucht nehmen,
und in diesen das wahre Wesen der Dinge anschauen.“[8] heißt es im Phaidon
ironisch zur Betrachtung einer Landschaft bei Sonnenfinsternis. Natur mit den
Sinnen zu begreifen bedeutet, Simulationen und bloßen „Schatten“[9]
zu erliegen und die wahren Begrifflichkeiten als das „Land der Ideen“[10]
zu verfehlen. Das Bild als Landschaft steht zwischen „Sinn und Sinnlichkeit“[11].
Als Naturbeherrschung ist Landschaftsmalerei für Cassirer eine offene
platonische Frage.
Das
Lob der Landschaftskunst als Naturbeherrschung und Ernst Cassirers Gedanken
über symbolische Form stehen durch Platon in einem engen Verhältnis. Platons
Zweifel an der Authentizität des Sichtbaren haben schon für Shaftesburys
Ästhetik der Empfindsamkeit Pate gestanden.[12]
Landschaftskunst als Naturbeherrschung bedeutet bei Cassirer Natur auf ihren
Begriff zu bringen und in den Formen das Wesen und den Charakter der Landschaft
und ihrer Stimmungshaftigkeit zu sehen. Cassirers Blick auf die Landschaft mit
den „Augen eines Künstlers“
gleicht einem Spaziergang durch die Matrix der Natur. „Ich fange an, ein Bild von ihr zu formen. Damit habe ich ein neues
Terrain betreten, das Feld nicht der lebendigen Dinge, sondern der ‘lebenden
Formen’. Nicht mehr in der unmittelbaren Wirklichkeit der Dinge stehend,
bewege ich mich nun im Rhythmus der räumlichen Formen, in der Harmonie und im
Kontrast der Farben, im Gleichgewicht von Licht und Schatten. Der Eintritt in
die Dynamik der Form begründet das ästhetische Erlebnis.“
Malerei
sei „nicht Nachahmung, sondern Erfindung
von Wirklichkeit“ faßt Cassirer seinen platonischen Blick auf die
Landschaft zusammen. Der Landschaftsmaler Thomas Kohl teilt diesen platonischen
Blick. „Landschaft ist ein Modell, das
sich der Mensch geschaffen hat, um Natur zu verstehen.“[13]
Daß es sich mit dem Bild als Landschaft immer schon um eine Abstraktion
handelt, führt Kohl mit den Mitteln der Abstraktion sinnfällig vor Augen.
Diese Abstraktion umfaßt dabei nicht nur allgemeingültige gegenstandslose
Formen und Farben als Selbstgespräch der malerischen Abstraktion im
herkömmlichen Sinn.
Das
Sichtbare wird ebenfalls zur Metapher für Malerei. In Kohls platonischen
Abstraktionen kommen Berg und Tal, Himmel und Erde als Formeln oder Floskeln
für Wirklichkeit vor. Formal stehen die Bilder Kohls, die auffällig und
sinnfällig die Schrift des Pinsels[14]
und die Farbspur inszenieren, den abstrakten Bildern Gerhard Richters nahe.
Kohls dynamische Skizzenmanier gibt dieser Vorgabe jedoch eine andere Richtung.
Die
Skizze als Bildversuch wird hier zu einer platonischen Anspielung. Darin
unterscheidet sich Kohl grundlegend von seinem Lehrer Gerhard Richter. Kreisen
dessen abstrakte Farbräume oder die berühmten Fotovermalungen wirklich um das
Bild als Bild? Richters Abstraktionen und Bildverfremdungen sind vor allem
hintergründige Romantisierungen und überlegene Ästhetisierungen der als banal
empfundenen Welt. „Die Welt ist nur als
ästhetisches Phänomen gerechtfertigt.“[15]
Der Nietzsche-Leser Gerhard Richter herrscht in diesem Sinne über die
Landschaft sarkastisch als „Anarchist“.[16]
III
Der
Platon-Leser Thomas Kohl thematisiert die Naturbeherrschung der
Landschaftsmalerei als Spekulation von Wirklichkeit. Oft entsteht der Eindruck,
die wirbelnden Formen und Strukturen auf diesen Gemälden werden durch Zufall zu
Landschaften. „Die Malerei erwächst
nicht aus der Landschaft, die Landschaft entsteht aus der Malerei.“[17]
Manche Bilder tragen Ortsnamen. Doch diese
scheinbar notierende skizzenhafte Malerei trennt sich von jeglicher
Verpflichtung zur Beschreibung. Kohls Landschaften sind weder stimmungshaft noch
topographisch genau. Die Überflüssigkeit von Vorlagen und Motiven gehört zu
den Pointen der Landschaften von Thomas Kohl. Doch auch als autonome Kunstwerke
und Malerei um ihrer selbst willen unterschätzt man diese Bilder.
Was
Malerei im platonischen Sinne heute leisten kann, geht weit über Stil und
peinture hinaus. Mit dem Topos der Landschaftskunst als Naturbeherrschung
verbindet sich das freie malerische Gebieten über alle beobachteten Facetten
der Wirklichkeit. Im Medienzeitalter sind diese Facetten um die modi erweitert
worden, in denen Natur in den anderen Medien erscheint. Manche Gemälde Thomas
Kohls erfassen diesen Spielraum und lassen z.B. fotografische Effekte mit
malerischen Texturen verschmelzen. Im Gestus des Experimentes und der Skizze
überläßt sich die Malerei dann der Dynamik der Formen und jongliert die
Wirklichkeit in ihren natürlichen und unnatürlichen Möglichkeiten und fügt
deren neue hinzu.[18]
Naturbeherrschung
bedeutet heute mehr denn je die Freiheit im Spiel mit den Formen.[19]
Landschaftskunst ist darum eine Domäne der Malerei geblieben. Wenn sich die
Varianten der Wirklichkeitssimulation im Medienzeitalter auch vervielfältigen,
bleibt es doch dem Blick auf das Leben der Formen und damit der Malerei
überlassen, diese Simulationen als Wirklichkeit zu entdecken. Es kann nur
verwundern, daß es nach der Malerei noch eine Wahrheit geben könnte.[20]
Malerei geht es nicht um sinnlich Zufälliges, sondern um die Form als das
eigentlich Charakteristische und Symbolische im Bild. Neue Bildwirklichkeiten
erweitern diesen Spielraum der Form. Deshalb gibt es auch und gerade für die
Malerei nach wie vor einen beweglichen Horizont.
Jörg Probst arbeitet in Berlin als freier Ausstellungsmacher mit dem Schwerpunkt Malerei.
[1] Roger de Piles, Von der Landschaft, zit. nach: Oskar Bätschmann, Entfernung von der Natur. Landschaftsmalerei 1750-1920, Köln 1989, S. 245.
[2] Denis Diderot, Aus dem „Salon von 1763“, XI. Vernet, in: Denis Diderot, Ästhetische Schriften, Berlin und Weimar 1967, 1. Bd., S. 459.
[3] „Die einzige Alternative zur Landschaftsmalerei, behauptete Joan Nelson einmal, wäre für sie eine Form der abstrakten Kunst; denn letztlich ginge es ihr um das Experiment der Farbe; Wie wendet man sie an und was kann man mit ihr machen.“, zit. nach: Kat. Landvermesser, hrsg. v. Andreas Bee u. Martin Stather, Mannheim 1996, S. 52.
[4] Werner Busch, Autonome Landschaft?, in: Kat. Landschaften von Pieter Breughel bis Wassili Kandinsky. Die Sammlung Thyssen-Bornemisza, München 2001, S. 27.
[5] Ernst Cassirer, Versuch über den Menschen, Hamburg 1992, S. 232.
[6] De Piles, wie Anm. 1, S. 246.
[7] Cassirers bloße Beschreibung der ästhetischen Ausdrucksfunktion einer Linie spielt auf Landschaft an. In: Ernst Cassirer, Philosophie der symbolischen Formen, Darmstadt 1953, Bd. 3, Kapitel V: „Symbolische Prägnanz“, S. 232.
[8] Platon, Werke, Berlin 1826/1987, Bd. II/3, S. 63.
[9] Platon, Der Staat, Berlin 1828/1987, S. 232.
[10] Ernst Cassirer, Eidos und Eidolon. Das Problem des Schönen und der Kunst in Platons Dialogen, in: Vorträge der Bibliothek Warburg II. 1922-1923, I. Teil, Leipzig 1924, S. 11.
[11] Ernst Cassirer, Symbol, Technik, Sprache, hrsg. v. E.W. Orth u. J.M. Krois, Hamburg 1996, S. 11.
[12] „Denn niemals hat die Form wirkliche Macht, wo sie nicht für sich betrachtet, beurteilt, untersucht wird, sondern nur ein zufälliges Merkmal oder Zeichen dessen darstellt, was die erregten Sinne beschäftigt.“ Dieses und die folgenden Zitate nach Cassirer, wie Anm. 5., S. 249, 233f. und 220.
[13] Thomas Kohl, Landschaft, in: Kat. Romantik in der Kunst der Gegenwart, Aachen 1993, S. 30.
[14] Der Pinsel arbeitet mitunter wie eine Schreibfeder. Der manchmal kalligraphische Charakter der Gemälde Thomas Kohls legt auch eine Parallelisierung mit Schriftbildern, kalligraphischer Abstraktion oder natürlich auf theoretischer Ebene einen Vergleich von peinture/ecriture im Sinne Jacques Derridas nahe.
[15] Friedrich Nietzsche, Die Geburt der Tragödie, Stuttgart 1993, S. 11.
[16] Jürgen Harten, Der romantische Wille zur Abstraktion, in: Gerhard Richter. Bilder 1962-1985, Köln 1986, S. 7.
[17] Martin Stather, Feld. Zur Genese des Landschaftsbildes, in: Kat. Feld. Thomas Kohl, Mannheim 2000, S. 2.
[18] In diesem Zusammenhang stand die Beteiligung Thomas Kohls an meinem Projekt „Episoden. Malerei heute im kleinen Format.“ Siehe dazu den Text „Affären, Episoden, Kapricen. Das moderne Skizzenbild“ unter www.peinture.de.
[19] Cassirer, wie Anm. 5, S. 218.
[20] Michael Wetzel, Die Wahrheit nach der Malerei, München 1997.