Christoph Braendle
(Aus dem Katalog "Über die Ebene
hin"
zur gleichnamigen Ausstellung des Sinclair Hauses Bad Homburg,
erschienen im Kehrer Verlag Heidelberg 2004)
Wann beginnt ein Sonnenuntergang? Beginnt er, wenn die Sonne den Zenit überschritten hat,
aber noch lange in seiner Nähe zu hängen und jede Abwärtsbewegung zu verweigern scheint,
beginnt der Sonnenuntergang schon, wenn sich die Sonne noch gut in ihrem Gleichgewicht hält
und die Vorstellung absurd wirkt, dass der Horizont sie anziehen und herabziehen könnte, oder
beginnt er später, beginnt er, wenn die Sonne noch blendet und noch heißer Tag ist, oder
beginnt er erst dann, wenn die Temperatur der Luft plötzlich um ein paar Grad abfällt, was
immer im gleichen Moment zu geschehen scheint, jetzt zum Beispiel oder damals, als der Aquarellist
durchs Nordtor das Städtchen betrat und über die Marktstraße schritt mit ihren bunten
Boutiquen links und rechts und den vielen Menschen in fremden Gewändern, dem Lärm und den
Gerüchen, um dort, wo das Gedränge sich auflöste, nach rechts abzubiegen, vorbei am Hammam
und an der offenen Tür, durch die man in den Keller hinabsieht zu den zwei Männern, die Kohlen
in den Ofen schaufeln, und bald wieder nach links sich zu wenden auf die lange Rue Mohammed
ben Abdallah, die ihn schließlich zur Place Prince Moulay Hassan brachte, wo er vielleicht ins
Hotel Beau Rivage ging, vielleicht ein Zimmer im zweiten Stock nahm, wahrscheinlich seinen Koffer
auspackte, die Zahnbürste hier, die Socken da, bestimmt auf den Balkon trat und hinabschaute
auf den Platz und hinüber zu den großen Häusern am Platz, die offene Fläche dahinter
und wieder dahinter den Hafen, um dann aufs Dach des Hotels zu steigen und das ganze Städtchen
zu betrachten, das zwischen der langen Bergkette und dem Meer am Ende einer großzügigen
Bucht liegt, welche die letzten Ausläufer eines harten Gebirgsfingers gegen den wilden
Ansturm des Meeres schützen mit Riff und Inseln und Inselchen, die die Phönizier und Römer die
Purpurnen nannten und die Portugiesen und Franzosen Mogador, während die Araber dem
Städtchen, das seine Existenz der glücklichen Fügung verdankte, dass Sultan Sidi Mohammed ben
Abdallah den Franzosen Théodore Cornut beauftragte, einen internationalen Handelsplatz zu
entwerfen, einen Namen mit vielen Vokalen gaben, der »das Bild« oder »das Gemälde« oder
»die Photographie« heißen kann, was den Aquarellisten um so passender dünkte, als im
Moment, da er auf die Terrasse trat, alle Bewegungen ganz erlahmten, als wollte das Städtchen
wirklich nur noch Bild sein, beginnt also der Sonnenuntergang, wenn der Aquarellist das Papier
auf die Unterlage legt und die Farben, das Wasser und die Stofflappen bereitstellt, damit er die-
ses Bild, das für ihn und alle anderen eine Tatsache ist, in seine eigene Wirklichkeit, in sein eigenes
Bild und in seinen höchstpersönlichen Moment übertragen kann mit ein paar leichten Pinselstrichen,
die er mit ungeheurer Präzision zu setzen versteht, oder beginnt der Sonnenuntergang,
wenn er noch einmal aufschaut, um das äußere Bild mit dem inneren in Übereinstimmung
zu bringen, welche Übereinstimmung zugleich eine große Transformation darstellt, eine Verwandlung
vom Raum in die Fläche, von der Natur in Kunst und von der Bewegtheit in eben die
erstarrte Zeit eines Winterschlafs zum Beispiel, dem dieses Städtchen mit seiner von mächtigen
roten Mauern umgebenen weißen Medina erlag, mit dem Hafen, der zone industrielle und der
weißen nouvelle ville, dieses unglaublich saubere, helle Städtchen mit den blauen Türen und
Fensterrahmen, den Möwen und vielen Katzen, dieses Städtchen, das zu seiner besten Zeit siebzehn
Konsulate beherbergt hatte und die Heimat von zwanzigtausend Juden gewesen war, mit
zweiunddreißig Synagogen, während es jetzt weder Konsulat noch Synagoge und gerade wieder
sieben Juden gibt, und das als Handelsplatz gegen Casablanca alles verloren hat, dieses Städtchen,
das mit ständigen Winden lebt, oder beginnt der Sonnenuntergang, wenn unversehens ein
noch heftigerer Wind aufkommt, der Altsilberstreifen auf das helle Katzensilber des Wassers
malt, oder erst dann, wenn die Sonne wie ein Milchauge zwei Handbreit über dem Erdenrand
verharrt und manche Strahlen durch Gewitterwolkenlöcher wirft: beginnt jetzt schon der Sonnenuntergang,
obwohl die Erfahrung lehrt, dass es noch Weilen dauern wird, bis die Sonne sich
ganz ins Meer geworfen hat, auch wenn sie sich rasch hinabstürzen und einfach verschwinden
könnte, oder jetzt, da sich quasi der Vorhang öffnet und das grandiose Spektakel wirklich
anhebt, jetzt nämlich färben kräftige Ockertöne die hellen Strahlen und setzen sie voneinander
ab, Ockertöne auch dort, wo das Licht aufs Wasser trifft, das sich nun in gesponnenes Gold verwandelt,
und schon stiehlt der ganze Himmel dieses Gold, und pünktlich taucht linkerhand die
Linienmaschine nach Casablanca auf, zieht ihren weißen Doppelschweif über den ganzen Himmel,
während die Sonne einer Hostie in altgüldener Strahlenmonstranz gleicht und unversehens
in ein Wolkenband schmilzt, das eben noch als unscheinbarer Gazeschleier über dem Horizont
hing und nun dunkel das flüssige Gold verschlingt, und ebenso spurlos, wie die Sonne verschwinden
kann, verklang damals die Erstarrung, das Städtchen erwachte, und alle saßen vor den
Cafés und tranken thé à la menthe oder café au lait und diskutierten die Besonderheiten
besonders schöner Tage und schauten den Schuhputzjungen zu, die wie Haie die Gäste umkreisten
und blitzschnell hinstießen auf vermeintliche Opfer oder streitend an ihrer Hackordnung feilten,
denn »alle«, das waren die Vermögenden, die ein Geschäft besaßen oder eine Boutique oder
ein Boot, und die Fremden, die sich für Einheimische hielten, und die vielen anderen, die dem
Charme des Städtchens erlegen sind, als Gefangene eines süßen Traums schaukeln sie auf den
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Wogen des Müßiggangs, jeder so hoch und bequem er nur kann, um besser auf jene hinabzusehen,
die in Wellentälern und Strudeln treiben, auf die Armen und Armseligen, die Bettler und
Krüppel, von denen es viele gibt, weil es zur Sitte des Landes gehört, die Elenden nicht wegzusperren,
und so hat jeder, der hier ein wenig verweilt, schnell seinen persönlichen Strauß Almosenempfänger,
von denen einige betteln wie die behinderte Frau mit dem behinderten Kind und
die alte Dame mit der Flaschenbodenbrille oder die beiden Greise, die recht wütend werden,
wenn man sie nicht respektiert, von denen andere wiederum winzige Dienste erweisen wie der
junge Mohammed, der Zigaretten einzeln verkauft und auch an irgendeinem Gebrechen leidet,
das ihn kaum reden und kaum die Bewegungen der Hände kontrollieren lässt, wenn er das Glas
mit der Limonade hält, und dann gibt es natürlich die Musikanten, die vier Mustapha zum Beispiel,
die, meistens zu dritt, weil einer an den Alkohol verlorengegangen ist, mit Trommeln und
Tschinellen pünktlich auf dem Platz auftauchen, wenn Busse ihre Touristengruppen ausspeien,
und man genießt das Spektakel und gibt ein paar Münzen und beobachtet, wer schon an einem
Tisch sitzt und Tee trinkt und wer noch nicht ins Geschäft gekommen ist, denn Geld hat immer
auch Strolche angezogen, junge Männer sind’s mit zwei Zielen im Kopf, die Geld und Pussy heißen,
und wenn sie spät nachts vor dem Café »Zur Letzten Minute« zu Trommeln und Gitarre wehmütig
immer wieder das gleiche Liedchen singen, »tu ne peux comprendre tu ne peux savoir
combien j’ai envie combien j’ai envie«, von der Sehnsucht also singen, der Sehnsucht nach eben
diesem Städtchen, welches das Lied meint, aber auch der Sehnsucht nach Geld und Pussy und
nach einem allgemeinen Anderen, nach der Ferne, nach Freiheit, dann spürt auch der Aquarellist,
wie die Sehnsucht selber zum Bild gerinnen kann in diesem Städtchen, das sich allem Fortschritt
und allen fremden Einflüssen zum Trotz fast nicht verändert und am wenigsten auf den
Märkten verändert, wo Hühner zum Verkauf angeboten werden, lebendige oder frisch
geschlachtete, auch Rinder und Schafe, da Gemüse, dort Früchte, es gibt den Gewürzmarkt und
den Fischmarkt mit seinen Marmorbänken, und wenn der Aquarellist an den Boutiquen der
Schneider vorbeischlendert und sieht, wie diese im sprichwörtlichen Sitz auf einem Tisch zu viert
an einem Vorhang nähen, wenn er an den Färbereien vorbeikommt und die Farben und Pigmente
sieht, dieses Leuchten, die Intensität, die ihn mehr als alles andere zu verlocken vermag,
oder an den Garküchen vorbei, wo man hinbringt, was man eingekauft hat, um es kochen zu lassen,
oder wenn er vor dem Stadttor den Bauernmarkt besucht mit den Erdnüssen und den Zukkererbsen
und den Zwiebeln und Karotten und nachher zum Tee in die alte Karawanserei geht,
wo man immer noch billigste Zimmer voller Wanzen und Flöhe und anderen Lästigkeiten mieten
kann, wenn er ins Viertel der Bettenmacher kommt, und es rufen gerade die Muezzins, dann
fühlt er, wie ungeheuer weit die Welt des Westens sich voran geschleudert hat in einen Zustand,
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den man hier weder versteht noch begreift, und schon ist der Aquarellist wieder auf seiner Terrasse
und vor seinem Papier, und er schaut hinüber zur Sonne und fragt sich, wie sich dieser Farbenrausch
aus Rosa, Lila, Violett und allen Purpurtönen am Himmel zu den Farben auf seinem
Papier verhält, die auch fließen und zerfließen, um sich hier absichtsvoll und da zufällig zu vermischen,
während die Sonne selber zäh aus dem schwarzen Wolkenband tropft als rot loderndes
rohglutflüssiges Eisen, und jetzt, da sie das Meer berührt, das unter der Wucht des Aufpralls
nachgeben müsste, statt dessen klaglos empfängt, keinen Zweifel kann es geben, dass der Sonnenuntergang
jetzt begonnen hat, halb schon ist die Sonne versunken, halb noch hält sie sich
über Wasser, und jetzt verliert sie die runde Form, dass sich der Aquarellist schon nicht mehr
fragt, ob der Sonnenuntergang beginnt, sondern fragt, wann er endet, während die Sonne
einem Pilz gleicht jetzt, jetzt einem flachen Deckel und jetzt einer Schiene aus frischglühend
geschmiedetem Stahl und weg ist – jetzt; keine Eruption, kein gewaltiges Aufschäumen, kein
Rasen und Toben, aber in ihm erschrickt es trotzdem ein wenig, und dieses Erschrecken gleicht
jenem, das der Aquarellist empfindet, wenn er den Pinsel endlich über das Papier rennen lassen
will, weil er ahnt und vielleicht sogar weiß, welch ungeheure Anstrengung darin besteht, die Perfektion
eines weißen Blattes in ein perfektes Bild zu verwandeln, weil er vom Scheitern weiß, von
den Fehlversuchen und von den zahllosen Gefahren, die sich im Papier, im Wasser und in den Farben
zu verbergen vermögen, weil der Grat, den ihm die Kunst zwischen dem Absturz ins bloße
Naturabbild und dem Absturz in manieristische Künstlichkeit gelassen hat, ungeheuer schmal ist,
also hält er noch einmal inne und lässt zuerst das Erschrecken verklingen, dieses Erschrecken, das
auch jenem gleicht, welches er empfand, als er den Toten sah, der in der Bucht liegen blieb, weil
die Behörden seine Wegschaffung offenbar nicht für dringlich hielten, während rundum alle
taten, als wäre da niemand, als läge da nur ein Stück Holz, und Fußball spielten oder schlenderten,
das war, als seine Zeit im Hotel zu ihrem Ende kam, nachdem er schon eine ganze Weile mit
dem Gedanken gespielt hatte, eine Wohnung zu nehmen, was hier, wo jeder jederzeit alles über
jeden weiß, kein Geheimnis bleiben konnte, und weil es damals kaum Touristen gab, war vieles
frei, manches hatte seinen Reiz, einen schönen Innenhof, eine schöne Dachterrasse, eine schöne
Sicht, bis der Aquarellist den Turm fand, in den er sich sofort verliebte, so stolz überragte er das
ganze Städtchen, so kühn hing er über der Scala, jener massiven Befestigungsmauer zum Meer
hin mit den Zinnen und den vielen alten Kanonen, dieser Turm mit den vier Fenstern in die vier
Himmelsrichtungen, und nun sitzt er dort an seinem Arbeitstisch und schaut übers Meer und
über die Barken und Schoner, die vor der Dunkelheit noch den Hafen erreichen wollen, und
immer weiß er an der Zahl der Schiffe, die er ein- und auslaufen sieht, wie viel Fisch es im Städtchen
gibt, und wenn es viel Fisch gibt, spaziert er zum Hafen, weil das Leben dort am aufre37
gendsten ist und weil ihm jetzt alles zum Bild gerinnt, die hämmernden und schweißenden
Bootsbauer, die Fischer, die Netze richten oder Haken mit Salzsardinen beködern, die blauweißen
Schoner und die kleinen, dunklen Barken, die weit draußen auf dem Meer, vier Mann pro Boot,
mit mehrtausend Meter langen Leinen und vielen hundert Haken den gewaltigen Fischfabriken
um die Nase jagen, und wenn sie hereinkommen, wenn sie an der Mole anlegen, Bojen, Außenbordmotor
und Angelkasten ausladen und schließlich die Fische vom Boden der Boote hochwerfen
auf die Mole und in Handwagen, dann drängen sich oben Gaffer und Schnorrer und Käufer
und Bettler um das, was jetzt auf dem Teer liegt oder auf behelfsmäßigen Tischchen, tot das
meiste, die Mäuler aufgerissen, blanke Augen groß und klar, frisch glänzen die glitschigen Fische,
aber das ist nur der geringste Teil, das meiste schaffen Handkarren in die Auktionshalle, wo noch
mehr Gaffer stehen während des Abwägens nach Mannschaft und Art, und schließlich bei den
fünf schneeweißen Bänken, die einen halben Meter hoch sind und vier mal acht Meter groß, und
auf die nun aller Fisch sortiert wird nach Art und Größe, die Kongas, der Silberaal, der glänzenden
Schneide eines langen Schwertes gleich, die gelbbraunen Muränen, Rotbarsche, Kabeljau
und Knurrhahn, Drachenfische, Rochen und Haie, von denen es den kleinen Tigerhai gibt und bis
zu drei Meter lange Blauhaie, und während um die Bänke Gaffer und Helfershelfer drängen, stehen
auf den Bänken die Auktionatoren und die Fischhändler und ihre Assistenten, und in rasender
Schnelle wird von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang hingeschichtet, versteigert und weggeräumt
Bank um Bank, die jede sofort gereinigt und desinfiziert wird für den nächsten Schub, das
Seegetier kommt auf Eis, kommt in Laster und wird weggeführt in ferne Städte und ferne Länder,
oder es wird vor der Halle und auf dem großen Fischmarkt in der Medina zum Verkauf ausgelegt,
und auch der Aquarellist, der in einen wahren Rausch geraten ist und Blatt um Blatt mit
seinen Zeichen besetzt hat und in diese Zeichen alle Eindrücke dieses Tages und der vergangenen
Tage und der vergangenen Sonnenuntergänge und dieses Sonnenuntergangs hat einfließen lassen
und sie so lange komprimierte, bis sie nicht nur das Ereignis darstellen, sondern auch die Idee
des Ereignisses und die Seele des Ereignisses, um eine eigene Welt zu begründen und selber zum
Ereignis zu werden, er wird Seewolf und Seeteufel braten, aber bevor er sie auf den Grill legt,
lässt er die Sonne ganz verschwinden, weil sich dann plötzlich der Blick öffnet, der bislang
gebannt an dem einen Lichtpunkt hing, weil plötzlich das ganze Bild sichtbar wird, das graue
Wasser, die schwarzen Inseln, schmutzigviolette Wolken, die dort, wo sie ausfransen, in kräftigeren
Farben leuchten, und in diesem Bild sieht der Aquarellist, wie groß und weit der Himmel ist,
der immer noch in hellem Blau erstrahlt, und er fragt sich unwillkürlich, ob jetzt schon dieser Sonnenuntergang
endet, da die Sonne zwar untergegangen ist, aber alles noch bunt tändelt und das
Weiß der Sichel des Mondes, der auf dem Rücken liegt und einer lachenden Katze gleicht, sich
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nur wenig abhebt und dennoch ungeheure Veränderungen des Meeres bewirken kann, das um
diese Zeit manchmal schwappt und manchmal kaprioliert, mal hoch steht und mal tief, bald
ansteigt und absinkt im vorhersagbaren Rhythmus bestimmter und messbarer Stunden, bald länger
als üblich und wie unschlüssig auf bestimmten Höhen verharrt und auf andere geradezu
springt, oder ungeduldig Flutenfolgen hinwirft, dieses Meer, das außerordentlich wütend wirken
kann, weil es den harten Fels vor der Stadtmauer nicht und nicht zu brechen vermag, und sich
einmal in einen großen Zorn steigerte und einen letzten Sturmlauf vorzubereiten schien, um den
strategischen Punkt des Städtchens endlich zu überrennen, die Scala eben, die zwar breit und
mächtig wirkt, aber nur von einem einzigen Stein geschützt ist, der schon einem Pilz gleicht, weil
das Wasser den Sockel sehr geschmälert hat mit seinem ständigen Zerren und Reißen, dass man
sich fragt, wie lange es noch dauert, bis er zerbricht und der Stein ins Wasser stürzt und die Scala
schutzlos steht, aber dann, als zu vermuten war, dass der Sturmlauf gleich beginne, verlor das
Meer sein Interesse an diesem Plan und dümpelte lustlos irgendwo draußen, nichts verratend von
seiner Kraft und der Gewalt, die vor zwei Jahren ein Stück Stadtmauer zerstörte, nichts von der
Wucht, die letztes Jahr in einer einzigen Anstrengung meterhoch Müll auf die Promenade warf,
dieses Meer, dieser Mond im ewigen Spiel, und nun waschen die bunten Farben aus, die Wolken
erdunkeln grau, nun gewinnt alles schnell den Charakter von Geheimnis und Nacht, die Schiffe,
die vom Horizont her zum Hafen eilen, sind die hellsten Lichtpunkte in der schon beinahe ganz
schwarzen Welt, noch einmal leuchten die Farben auf wie eine Erinnerung, das Blau des Himmels,
das schon vergessene Rot, die Ockertöne und das Gold, nun steht der Mond klar am Himmel,
nun blinkt die Venus, gleich hat sich der letzte Gedanke an einen Tag erschöpft, und noch
einmal betrachtet der Aquarellist sorgfältig das, was ihm während der Raserei seines Rausches
aufs Papier geflossen ist, er sieht, wie die Farbe schon trocknet, und lehnt sich zurück und lächelt
und fragt sich endlich, ob so ein Sonnenuntergang endet, endet er jetzt?